Gut Steinlacke

Die Geschichte des Gutes Steinlacke

Der folgende Bericht wurde in den 60er Jahren vom Reyner O24 geschrieben, dem letzten Besitzer des Gutes.

Steinlacke ist heute das letzte Gut aus dem früher umfangreichen Grundbesitz der Familie von Borries, der zum größten Teil am Ende des 18. Jahrhunderts von dem Geheimen Rat Franz Christian von Borries J5 erworben wurde.

Nach dem alten Familienbuch gebe ich die Geschichte von Steinlacke wie folgt wieder:

„Steinlacke ist landtagsfähiges Gut zur Größe von 171 Hektar,hatte die Jagdgerechtigkeit auf seiner Feldflur und die hohe und niedrige Jagd in einem Teile des Fürstentums Minden und der Grafschaft Ravensberg, die Fischereigerechtigkeit in der Werre und Else, freies Gemahl auf der Löhner Mühle, die Wegegeldgerechtigkeit für passierende Pferde, 1/4 der Markengerechtigkeit in der Löhner Mark, bestand aus Wohnhaus, Vorwerk, Pferdestall, Verwalterhaus, Schafstall, 4 Arröderhäusern, Ziegelofen, 15 Morgen Gartenland, 260 Morgen Ackerland, 60 Morgen Wiesen, dem Dickert und dem Brennerbergteil. Ihm stand die Zehnte aus Schweicheln, Eickhoff und Löhne zu. Die Einbehörigen und Censiten aus Löhne, Schweicheln, Bermbeck und Südlengern hatten jährlich zu leisten: 12 Himten Roggen, 73 1/2Himten Gerste, 154 1/2 Himten Hafer, 6 Mahlschweine, 26 Hühner, 23 1/2Taler Dienstgeld, 53 Flachsdienste, 32 Erntedienste, 22 Stück Garn. Diese Gefälle sind abgelöst mit einem Kapital von etwa 48600 Mark.

Steinlacke, früher Niederbehme genannt, gehörte ursprünglich den v. Quernheims, die bis Ende des 16. Jahrhunderts darauf saßen.1600 kam Steinlacke in de Besitz der Familie von Haus. 1687 ist der Kuhannoversche General Friedrich v. Öffner Besitzer, der 1693 in der Schlacht bei Löwen fiel. Seine Witwe Clara, geb. v. Quernheim, verw. v. Cornberg, vermachte das Gut ihren Söhnen August Wilhelm und Adam v. Cornberg, die es 1701 besaßen und denen es 1734 zwangsversteigert wurde. Es kaufte der Oberpräsident von Lingen, Friedrich Freiherr v. d. Horst.Wegen der vielen Streitigkeiten mit dem nahegelegenen Oberbehme riß v. d. Horst die Gebäude von Niederbehme ab und baute sie in der Steinlacke (steiniger Teich) wieder auf.

Im Jahre 1774 verkaufte sein Sohn, Minister und Probst zu Levern Justus August Freiherr v. d. Horst Steinlacke an den Geheimen Rat Franz Christian v. Borries.Durch letztwillige Verfügung desselben und seiner Witwe wurde Steinlacke als Nebenfideikommiß Phiipp v. Borries K8 zugewendet. Die französische Gesetzgebung hob die Familienfideikommisse auf.Der Familienrat beschloß am 13. Dezember 1811, daß Steinlacke freies Eigentum von Philipp v. Borries sein solle, dieser aber seinem Sohn Georg v. Borriesals nächstem Anwärter 4000 Taler Abfindung zahlen müsse. Diesen Beschluß erklärte das Ziviltribunal in Minden am 13. März 1812 für ungültig und ordnete die Löschung der Fideikommißeigenschaft im Grundbuch an. Nach Wiederherstellung der Preußischen Regierung erließ das Appellgericht zu Paderborn am 20 November 1818 eine Verfügung, der zufolge die Fideikommißeigenschaft von Steinlacke nicht aufgehoben sei.Philipp v. Borries widersprach. Das Appellgericht blieb aber bei seiner Entscheidung, auch eine Beschwerde an den Justizminister und eine Eingabe an den König blieben erfolglos. Die Fideikommißeigenschaft wurde nun unter gleichzeitiger Eintragung der Nachfolgerechte von Eleonore, Georg, Johanne, Karl und Hans v. Borries am 10 November 1820 eingetragen. Im Anfang der 1890er Jahre ist die Angelegenheit nochmals streitig geworden. Das Oberlandesgericht zu Hamm hat aber die Fideikommißeigenschaft von Steinlacke anerkannt.“

Soweit also der Auszug aus dem Familienbuch!

Und Reyner O24 schreibt 1961 einen Bericht an alle Kusinen und Vettern:

Viele Kusinen und Vettern, die Steinlacke nicht kennen wird vielleicht die neuere Geschichte von Steinlacke und sein jetziges Aussehen interessieren. Deswegen will ich versuchen, das Interessanteste davon hier zu schildern.

„Steinlacke liegt im westfälischen Kreis Herford, etwa 5 Kilometer östlich von Bünde in der Gemeinde Kirchlengern. Es liegt in einem Winkel, der von den kleinen Flüssen Else und Werre gebildet wird, wobei die Else am äußersten Ende von Steinlacke in die Werre mündet, die wiederum 10 km weiter bei Bad Oeynhausen in die Weser fließt. Das Gut ist heute noch 168,5 Hektar gross und hat also nur eine verhältnismäßig kleine Fläche von seinem früheren Stande durch Landabgabe an das benachbarte Elektrizitätswerk zum Bau von 2 Pumpwerkenund durch Landtausch mit benachbarten Bauern verloren. Die Fideikommißeigenschaft ging endgültig durch Anordnung der Nationalsozialisten 1936 verloren. Seitdem ist es ein freies Eigentum von Vetter Dietrich N32.

Steinlacke war während des ganzen19. Jahrhundert Sitz der Herforder Landräte, wurde aber nicht immer von ihnen bewirtschaftet, sondern war während einer längeren Zeit an den Besitzer des Besitzer des benachbarten Gutes Oberbehme, v. Laer verpachtet, dessen Tochter später Philipp v. Borries M15 heiratete. Von dem schon erwähntenersten Herforder Landrat Philipp K8 erbte es dessen Sohn Georg L9, der es wiederum an seinen Sohn Rudolf M14 vererbte. Aus dessen Ehe mit der Deutsch-Amerikanerin Bertha Garlichs gingen nur 2 Töchter hervor, die nach den Fideikommißbestimmungen nicht erbberechtigt waren.

Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete er in zweiter Ehe Elisabeth Malotki von Trzebiatowski. Während der Hochzeitsfeier verstarb er tragischerweise an einem Herzschlag. Nun erbte es der älteste Sohn seines nächstjüngeren Bruders Philipp M15, nämlich Rudolf N30. Da dieser beim Tode seines Onkels noch nicht volljährig war, bewirtschaftete zunächst der 4. Landrat von Herford, Georg M18 Steinlacke. Rudolf war also bei der Übernahme von Steinlacke erst 21 Jahre alt. Da er vor allem sehr stark technisch interessiert war, baute er die vorhandene, alte Handstrichziegelei mit Geldern, die aus dem Verkauf des Gutes „Haus Beck“ stammten, nach den modernsten technischen Errungenschaften aus. aber schon 6 Jahre nachdem er Steinlacke übernommen hatte, starb er und hinterließ nur eine Tochter, die wiederum nicht erbberechtigt war. Seine Witwe heiratete in zweiter Ehe einen englischen Geistlichen und lebt noch heute mit ihrer Tochter in England.

Der nächste Erbe war nun der heutige Besitzer Dietrich N32, der jüngere Bruder Rudolfs, der gerade in Hamburg den Kaufmannsberuf erlernte und nun erst den Landwirtschaftsberuf lernen musste. Nach Abschluss seiner Berufsausbildung und nach seiner Teilnahme am 1. Weltkrieg übernahm er 1919 die Bewirtschaftung von Steinlacke, das von 1906 an von Herrn v. Richter bewirtschaftet wurde, der 1912 die Cousine Klara N33 heiratete. Die groß angelegte Ziegelei hatte sich inzwischen leider als unrentabel erwiesen, da die Tonvorkommen zu flach und qualitätsmäßig nicht einwandfrei waren. Sie wurde 1922 stillgelegt und teilweise abgebrochen. Heute existieren von ihr noch der große Ringofenschuppen, das Verwaltungsgebäude, das jetzt als Arbeiterwohnhaus für 6 Familien dient und die Werkstätten. Aus den Kellern des abgebrochenen Maschinenhauses wurden Grünfuttersilos gemacht. In der Kriegs- und Nachkriegszeit hat Steinlacke zum Glück keine Schäden erlitten. Vetter Reyner O24, der Schreiber dieses Berichtes, übernahm 1954 als Pächter die Landwirtschaft von seinem Vater, während die Bewirtschaftung sed Waldes noch heute in dessen Hand liegt.

Bis 1925 war Steinlacke eigene Gutsgemeinde, wurde dann aber auf Grund gesetzlicher Bestimmungen in das benachbarte Kirchlengern eingemeindet.

Steinlacke umfasst heute 71 Hektar (ha) Ackerland, 30 Hektar Weiden und Wiesen, 61 Hektar Wald, 2 ha Arbeitergärten und 2.5 ha Hof- und Wegeraum. Die 2 ha große Gärtnerei ist an einen Ostflüchtling verpachtet.Die Weiden sind größtenteils mit etwa 700 Obstbäumen bepflanzt, deren Nutzung ebenfalls verpachtet ist. In die Wald- und Wiesenfläche ist der rund 5 ha große Park einbegriffen, der zu den schönsten der ganzen Gegend gehört und mit vielen exotischen Bäumen bestanden ist.Durch das Gut ziehen sich zwei Eisenbahnlinien, die 1851 erbaute zweigleisige Strecke Löhne – Osnabrück und die 1911 erbaute eingleisige Strecke Herford – Bünde. Außerdem geht die verkehrsreiche Provinzialstrasse Herford – Lübbecke durch das Gut. Die Felder haben größtenteils schwere Böden, der die Bewirtschaftung schwierig macht. Außerdem sind der untere Teil (ca. 20 ha) stark hochwassergefährdet, was sich besonders im Sommer 1956 unangenehm bemerkbar machte. Auf dem Ackerland werden zur Zeit 11 ha Zuckerrüben, 11 ha Kartoffeln, 40 ha Getreide und 9 ha Grassamen angebaut. Der Schweinebestand, der vor 40 Jahren noch eine in ganz Deutschland bekannte Zucht darstellte, wurde 1955 wegen mangelnder Rentabilität abgeschafft. Dagegen werden 35 Milchkühe und ebensoviel Jungvieh gehalten. 5 Pferde sind heute noch vorhanden, die zusammen mit 2 Schleppern die Zugarbeiten bewältigen. Eine komplett eingerichtete Schmiede Stellmacherei erledigen alle Reparaturen selbst und arbeiten noch für benachbarte Bauern. 10 männliche und 6 weibliche Arbeitskräfte erledigen alle vorkommenden Arbeiten. Der Gebäudebestand ist als Folge der übriggebliebenen Ziegeleigebäude verhältnismäßig hoch und umfasst: Herrenhaus, Kuhstall, Schweinestall, Scheune, Pferdestall mit Garage und Speicher, Ringofenschuppen ( der jetzt als Maschinenschuppen dient ), Werkstätten, Jungviehstall, Gärtnerei mit 3 Glashäusern, Geflügelstall und 6 Arbeiterhäuser mit zusammen 18 Wohnungen, die z.T. vermietet sind.

Die inzwischen sehr dicht gewordene Besiedlung der Gegend bringt gute Absatzmöglichkeiten mit sich, verursacht aber auch manche Nachteile. Aus einem wenig wertvollen Schlagholzbestand schuf er in den 50 Jahren seines Wirkens einen wertvollen Nutzwald aus besten Fichten- und Pappelbeständen, der weithin bekannt ist.

Steinlacke und das Nachbargut Oberbehme stellen heute eine grüne Insel in einem immer dichter werdenden Häusermeer der umgebenden Industrielandschaft dar. Hoffentlich gelingt es, diesen schönen Besitz noch recht lange der Familie v. Borries zu erhalten.

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