„Mater semper certa est“

Genealogie einmal andersherum gedacht? Undenkbar?!

von Monika (P2)

Selbstverständlich ist einem weiblichen Wesen, aufgewachsen in dem alles in Frage stellen-den antiautoritären System Nachkriegsdeutschlands, nicht fremd, dass man Genealogie auch ganz anders sehen könnte. Immerhin gab es da reisend schon Begegnungen mit Matriarcha-ten. Das waren aber exotische Spekulationen, die mit unseren patriarchalischen, bislang – trotz neuem gesetzlichen Namensrecht – unangetasteten Prinzipen rein gar nichts zu tun haben. Dachte ich (!) bis wir zu der Mission nach Bolivien aufbrachen, endlich einmal die Nachfahren der südamerikanischen Verwandten kennen zu lernen! Da bekommt man eine Visitenkarte überreicht und stellt fest, dass der Spender den Namen der Großmutter benutzt. Da wackelt doch die ehrwürdige Ahnentafel!! Das sympathische Gegenüber bringt einen gewaltig ins Grübeln. Immerhin, einen alten Römer hätte das keineswegs irritiert, er hätte auf seinen Rechtskodex verwiesen, wonach die Mutter in der Abstammung immer sicher ist, der Vater aber? Der Engländer übersetzt das nonchalant: „Mother’s baby, father’s maybe“.

Nichts gegenzusagen!? Mich „wurmt“ das ehrlich! Heißt das nicht auch, dass den Frauen unterstellt wird, dass sie den Männern Kuckuckskinder unterschieben? Soll ja vorkommen, nichts Menschliches sei uns fremd – aber in unserem Falle? „Treu und fest“ ist der Wappen-spruch derer von Borries. Das gilt doch auch für uns Frauen! Wäre es vorstellbar, dass ein gut erzogenes Edelfräulein (etwas anderes heiraten „wir“ doch erst gar nicht!) ihrem angetrauten von Borries so etwas andreht?

Wäre es vorstellbar, dass Agnes Wilhelmine Lodtmann, die Gemahlin des Theodor Heinrich (L 65) (sie möge mir verzeihen!) unseren Ahnherrn der bolivianischen Borries – Sippe etwa einen Kuckuck in die Wiege gelegt hätte? Caramba! Was für Folgen für unsere Reise?! Fast 200 Borries geküsst, die eigentlich keine waren!! Ich kann Euch beruhigen, selbst wenn das der Fall gewesen wäre – ihre Mutter war zum Glück eine <geborene> von Borries!!

Entschuldigt meine vermeintlich ungezogenen Gedanken, ich muss Euch leider mit diesem Thema konfrontieren, falls ihr gedacht habt, Ihr könntet Euch ruhig zurücklegen und auf dem Gotha ausruhen. In unserem Fall geht es tatsächlich nicht nur um das, die Adelsverbände schon genug verwirrende neue Namensrecht, da gibt es außerhalb Deutschlands weit mehr Namensträger/innen, die nebenbei bemerkt ungeheuer sympathisch, meist sehr hübsch und enorm „taff“ sind! Meine Hochachtung vor den Borries-Frauen ist enorm gestiegen, denn es sind die Töchter und angeheirateten Frauen, die die Familien zusammenhalten.

Fangen wir mit Melita an, die sich nicht nur um den deutschen Familienverband verdient gemacht hat, sondern als Weltbürgerin den Kontakt zu den Amerikanern und Südamerikanern gehalten hat, das wird uns auf der Reise besonders deutlich. Immer wieder wird nach ihr und Bettina gefragt, Grüße und kleine Geschenke werden uns mitgegeben.

Es ist Evi, die die Genealogie überall in Brasilien und Boliven aufpinnt, nachfragt, Auskunft gibt, notiert und Klaus bei Stange hält, jeden Einzelnen zu fotografieren. Eine Sisyphusarbeit, die kein Ende nimmt, weil wir auch in den Pausen ständig unsere Erlebnisse, unser Wissen vergleichen. Dabei kommen wir, Detlof und ich uns vor wie Familienneulinge – so viel profitieren wir von Evi’s Kenntnissen.

Und in Brasilien? Da ist es Ilka, die wir schon vom letzten Familientag kennen, die uns in Sao Paulo liebevoll in den Arm nimmt und uns verwöhnt, bis wir uns an das nicht nur äußerlich warme Klima gewöhnt haben. Sie ist es, die sich in Brasilien um die Borries’sche Familie kümmert, organisiert, Bilder, Dokumente sammelt, zu sich einlädt, damit wir uns kennen lernen können.  (Wedigo, Ullla, die Söhne und Schwiegertöchter)

Und wer steht von den 52 teilnehmenden Borries Schlange vor Evis aufgepinnter Genealogie beim Familientag in Santa Cruz in Bolivien?  Es sind die Frauen, die nach Vorfahren suchen und Evi umstürmen. Die Männer stehen etwas distanzierter, plaudernd dahinter und lassen sich dann informieren.

Nach Sucre ist es Betty die uns begleitet. Gemeinsam mit ihr besuchen wir das Denkmal für ihre Tochter, die ermordete Monica von Borries, meine Namensvetterin. Ihr Tod jährt sich an diesem Tag genau zum 9. Mal. Ich erinnere mich noch genau an dieses Ereignis, weil einige Freunde bei uns vorsichtig anriefen, um nachzufragen, ob ich wohl zuhause sei. Für die Familie, Betty und dem noblen Vater Jorge, dem Obersten Richter, der uns in seinem Justizpalast hinter einem gewaltigen Schreibtisch empfängt, ist der Verlust sehr schmerzlich. Trotzdem, wir sollten stolz auf diese Heldin sein, die als Staatsanwältin den Mut hatte, der Mafia zu trotzen. Es ist die Familie von Cousine Rosario, die uns am Flughafen von Cochabamba in Empfang nehmen – mit Wappenschild und Rosen. Keine Zweifel hier ist eine echte Patrona am Werk, die genau weiß, wie man eine Familie organisiert und erst recht einen Familientag – bis hin zu den blumigen Namenschildern und Wappenansteckern für die Revers. Nicht der kleinste Borries fällt da aus dem Rahmen, jeder hat seine Aufgabe. Nicht nur wir fühlen uns in dieser Familie sofort angenommen und willkommen. Präzise wie ein Uhrwerk, greifen die Familien-mitglieder in dem festlichen Ablauf zusammen, unaufdringlich, geübt, absolut stilsicher. So mag es früher auch in unseren deutschen Familien zugegangen sein, denken wir mit Hochachtung (Gratulation an Oskar für seine glückliche Wahl bei der Heirat s. oben!).

Ein edles Paar empfängt uns in La Paz – eines, das Ihr auch schon in Zons kennen gelernt habt: Anna Maria und Ramiro! Anna Maria eine Bilderbuch-Lady, sehr gutaussehend, elegant und herzlich, ist ein Anziehungspunkt für die Familie in La Paz und regiert mit überwältigendem Charme dezent eine Großfamilie mit vier höchst erfolgreichen Kindern und 9 Enkeln. Dazu gehören natürlich auch andere höchst liebenswerte Frauen, wie Theresa, die Frau von Oskar, der uns schon in Heidelberg besuchte, beim 100. Familientag in Niefernheim war und der leider verstorben ist. Wir waren sehr gerührt, seine großartigen Kinder kennen zu lernen: Stefan als Mitorganisator in Santa Cruz, Katharina, die sich liebevoll um uns bemühte, mit ihren drei sehr, sehr niedlichen Töchtern (in die wir uns sofort verliebt haben) und selbst Jürgen (auch er war beim letzten Familientag) begleitete uns aus dem fernen Georgien, in dem er uns mit Essenseinladung und Geschenken überraschte.

Ich wollte ja über das Borries’sche Matriarchat lobende, gewichtige Worte ausbringen und habe Euch deshalb manchmal – schweren Herzens – die „Hälfte des Himmels“ verschwiegen (Genealogisches andersherum). Eine Ausnahme muss ich aber doch machen: Raoul und Alissa! Ohne Raoul wäre diese Reise gar nicht zustande gekommen und wir können ihm sehr dankbar sein, dass er sich wochenlang so engagiert hat und Alissa dafür, dass sie deshalb immer noch in ihrem hübschen Haus auf Unaus gepackten Kisten sitzt!

Wir hoffen, dass wir ein wenig dazu beitragen konnten, die „Terra incognita Borries-Bolivien“ zu entschleiern und Euch alle auf beiden Seiten zu ermutigen, Euch kennen zu lernen. Es gibt dabei so viele wunderbare Menschen zu entdecken, dass ich sehr dankbar bin für diese Begegnungen und dafür, dass ich zu einer solch wunderbaren Familie gehören darf.

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